Pressestimmen über lunatiks produktion

Start ...

Produktionen ...

Gruppe ...

Termine ...

Kontakt ...

Presse ...

Partner ...

Mediathek ...











































































































































"Ich habe gehört, man kann hier seine Geschichte erzählen!"
Der Regisseur und Autor Tobias Rausch, Mitglied bei lunatiks produktion, im Porträt:
Profil, DeutschlandRadio Kultur - 10.03.2010 von Michaela Schlagenwerth.

+ + + + + + + + + + + + + + + + + + + + +

Der Blick durch die Glasscheibe

Den Rollkoffer hat er bei sich. Man sieht sofort: Tobias Rausch und seine lunatiks produktion sind viel beschäftigt. Sehr viel Zeit haben wir also nicht, hier in der DT-Kantine, gleich beginnen die Proben für sein Projekt »Magic Fonds« mit dem Jugendclub des Deutschen Theaters Berlin, das Ende April in der Box zur Premiere kommt. Eine Koproduktion. Übermorgen trifft er die andere Hälfte des Ensembles in Basel.
Lunatiks-Stücke sind immer von der etwas anderen Art - und darum wachsen die Begehrlichkeiten von Staats- und Stadttheatern nach Kontakten zu der sich selbst vor allem als Theaterrechercheprojekt verstehenden Gruppe von Regisseuren, Dramaturgen, Produktionsleitern, Bühnenbildnern, bildenden Künstlern, Musikern und Kulturwissenschaftlern. Ein interdisziplinärer Ideenfonds - geldmarkttechnisch gesprochen. Um diesen geht es im neuen Projekt von lunatiks-Mitbegründer Tobias Rausch. Was ist überhaupt Geld? Jugendliche fragen die, die es wissen sollten. Banker vor allem und solche, die mit ihnen zu tun haben.
Manchmal scheint es, es wäre besser, mit der merkantilen Welt und ihren Werten nichts zu tun zu haben. Nur die Natur kann das, glauben manche. Paradiesische Vorstellungen knüpfen sich daran. Jeder, der Rousseau liest, kennt dieses angenehme moralische Überlegenheitsgefühl, wenn er zitiert: "Eigentum ist Diebstahl." Halt, stopp, das ist ja von Stirner aus »Der Einzige und sein Eigentum«. Aber sinngemäß meint das auch Rousseau im »Gesellschaftsvertrag«, wenn er schreibt, der Erste, der ein Stück Land einzäunte, war ein Dieb, und der Erste, der ihn gewähren ließ, ein Feigling. Sinngemäß.
Man kann sich mit Tobias Rausch schon nach einigen Sätzen ins Unterholz philosophischer Begrifflichkeiten schlagen, er promoviert gerade an der Humboldt-Universität über ein anthropologisches Thema. Wenn er darüber spricht, klingt es wie die in die Natur ausgelagerte Thematik von Nietzsches Ewiger Wiederkehr des Gleichen. Also gehen wir auf dem heideggerschen Holzweg weiter bis zu jener Lichtung, auf der sich entbirgt, was sein Projekt »Die Welt ohne uns« am Schauspiel Hannover bedeuten könnte. Gibt es in der Natur einen Vorhang, den man nur aufziehen muss, um das wahre Schauspiel zu sehen?
»Die Welt ohne uns« ist mehr und anderes als das, was bloß eine Bühne sucht: ein kosmologisches Labor. Ein Langzeitprojekt in 14 Akten in vier Jahren. Ziel des Forschungsprojekts mit den Mitteln des Theaters ist es, mehr über das der Natur Mögliche herauszufinden, vorausgesetzt, wir stören sie nicht dabei. Wird sich die Evolutionsgeschichte - nach dem Ende der Menschheit - noch einmal wiederholen? Ein Feldversuch.
Gerade haben sie Birken gepflanzt für den kommenden vierten Akt. Zu Beginn ging es um die "Verabschiedung" der Menschen von der Erde. Ein Gartenfest fand statt, mit Pflanzensafari, Tulpenbörse, gegrillten Pflanzen, Pflanzenpatenschaften, Pflanzenmassage und Pflanzenporno. Lauter menschliche Projektionen auf die Natur, die wir uns angewöhnt haben nur mit unserem Maß zu messen. "Die Menschheitsgeschichte ist schließlich auch eine Gartengeschichte", sagt Rausch. Gewiss, das Prinzip von "Du und Dein Garten" funktioniert bereits seit dem Garten Eden. Nach einer Stunde ändert der erste Akt seinen Charakter, es erfolgt der "Angriff der Maschinen" - Rasenmäher produzieren eine Lärmsymphonie, die Gäste flüchten in den Container, die Tür schließt sich hinter ihnen: Ab jetzt sind die Menschen vom Planeten verschwunden. Die Natur hat den Planeten wieder für sich allein. Was wird sie aus ihm machen?
Der Garten an sich betritt die Bühne. Ein Jahr läuft das Projekt bereits, "der Garten verwildert pünktlich", wie es Rausch formuliert - der Umzug in den Wald ist bereits geplant. Die Frage sei doch, so Rausch, "wie theaterfähig Pflanzen sind". Die Ausgangssituation ist das Ende der Menschheit - wie dieses Ende eintritt, das wird nicht thematisiert, der Punkt liegt bereits in der Vergangenheit. Die Erde kehrt - über den Endpunkt hinaus - zurück zum Anfang. Wie muss man sich die Rückeroberung der Erde durch die Natur denn vorstellen? Als einen Epilog zur Apokalypse? Das Projekt stützt sich auf die Thesen von Alan Weismans »Die Welt ohne uns«. Natürlich will man das Buch nicht nachspielen, aber die deprimierenden Fakten sollte man kennen. Es gibt Hinterlassenschaften der Zivilisation, die - selbst wenn die Entwicklung heute stoppen würde - die Natur vor fast unlösbare Aufgaben stellt. Bereits jetzt treiben in den Meeren gigantische Wirbel aus Plastikmüll, die so etwas wie die ewige Hinterlassenschaft der Konsumgesellschaft sind. Und so kann man viele Fakten sammeln, die mehr Anlass zur Aniutopie als zur Utopie geben.
Die ersten drei Akte seien, das räumt Rausch ein, noch recht unterhaltungsorientiert gewesen. Da wird etwa die Frage, was Sex sei, rein pflanzlich beantwortet. Bekommen jetzt die Pflanzen die Eigenschaften von Menschen? Nein, kein Anthropomorphismus, im Gegenteil, es geht um die Emanzipation der Vegetation. Was sich da vor der Glasscheibe abspielte, die die Zuschauer vom Geschehen draußen trennt, wirkte anfangs wie eine Mischung aus Comic und Rap. Irgendwie roboterhaft. Rausch ahnt, dass sich die Darstellungsmittel in den kommenden Akten noch radikalisieren werden. Denn immer noch sind da Schauspieler, die die Pflanzen »animieren«. Nicht ganz konsequent für eine Situation, die davon ausgeht, dass es keine Menschen auf der Erde mehr gibt. Und Tiere, Insekten etwa, Bakterien? Fragen über Fragen, die eine ganze Doktorarbeit füllen könnten. Der vierte Akt, der jetzt folgt, soll jedoch einen Wechsel bringen. Regie führt Mirko Borscht, der Rausch durch seine Videoinstallationen aufgefallen war. In unserer Sprache über die Pflanzen zu sprechen, das kann nicht mehr als ein Nachklang der Episode Menschheit auf dieser Erde sein. Nun aber sollen die Bilder selber interagieren.
Zurück zur Frage, was Sex im Reich der Pflanzen ist. Windbestäubung etwa, aber die Art und Weise, wie wir diese sehen, erforschen »einen kleinen Knick in der Optik«. Rausch spricht nun wie selbstverständlich von der Sehnsucht des Fingerhuts. Ist das nicht »Urania« mit anderen Mitteln? Genau, antwortet Rausch, bloß unterhaltsamer. Man müsse die vegetativen Fragen ganz ernst nehmen, die nach Gut und Böse etwa. »Unter den Pflanzen gibt es ganz schön miese Zwerge!«, ruft Rausch durch die Kantine. Doch die Unterscheidung etwa von Kräutern und Unkräutern enspricht typischen menschlichen Verwertungsabsichten. Und die fallen jetzt weg? Genau, antwortet der Regisseur, von diesen Denkmustern müssen wir uns befreien. Schon in den ersten drei Teilen standen die Schauspieler vor ungewohnten Problemen wie diesen: Wie spielt man eine Pflanze an? Wenn sich die Pflanze dann aber vom Schauspieler emanzipiert hat und selber zum Darsteller wird, sehen wir bespielsweise den Fingerhut ganz anders an. »Ein Fingerhut zeigt viel«, meint Rausch. Eine ziemlich barocke Pflanze? »Genau das,« findet Rausch »total extrovertiert«. Schnittlauch dagegen sei mehr introvertiert.
Noch steht der Garten - übrigens von Landschaftsgärtnern entworfen, wir kommen aus den Paradoxien nicht raus - auf einem ehemaligen Kasernengelände bei Hannover. Die 14 Folgen in vier Jahren koppeln sich von unserer Zeitrechnung ab. Die fünfte Folge wird bereits 150 Jahre nach dem Ende der Menschheit spielen, der letzte Teil setzt eine Million Jahre nach dem Ende der Menschheit ein. Bis dahin durchlaufen wir Wege durch Wälder, hin zur Wüste und einer Eiszeit. »Da werden wir dann einen Gletscher vor die Glasscheibe bauen.« Die Welt hinter Glas wird mittels einer Observationskapsel beobachtbar. In ihr (dem Container) sehen Zuschauer im Zeitraffer den dramatischen Kämpfen auf einer Erde zu, die sich erst wieder neu auf den langen Marsch hin zu neuen Formen höheren Lebens macht.
Irgendwann drängt sich die Frage auf: Wer schaut sich das an? »Gartenliebhaber zum Beispiel«, entgegnet Rausch. Im Ganzen sei es eine Wahrnehmungsschule, der Blick schärfe sich für die Details, das Tempo der Handlung verlangsame sich, wir blicken wie von weit weg auf unsere Umwelt. Ist das dann also wie bei Ernst Jünger der zoologische, nein eher noch der vegetative Blick auf den Planeten, sehr kühl und distanziert unser Aussterben annehmend? Rausch nimmt einen Schluck Bionade, blickt nun sehr visionär, und es klingt gar nicht ironisch, wenn er sagt: »Da zu forschen, wo man nicht die spannendsten Geschichten vermutet, kann am ergiebigsten sein.« Entscheidend sei doch herauszufinden, was alles ein dramatisches Subjekt werden kann.
Das ist vielleicht der zentrale Ansatz von lunatiks produktion. Wörtlich übersetzt heißt die Gruppe »Die Mondsüchtigen« oder auch »Die Wahnsinnigen«. Doch wer Ernst Jüngers «Sizilischen Brief an den Mann im Mond« kennt, der ahnt die Verschiebung der Perspektiven. Was nottue, sei eine »neue Topographie«, heißt es da. Normalität wird erst im Ausnahmezustand erfahrbar. Wer unter uns wahnsinnig ist, das muss sich erst noch erweisen - vielleicht sind es ja immer die, die die Wahrheit für sich gepachtet zu hben glauben. Und damit hat Rausch den brisanten, den gefährlichen Kern der Theaterrecherche benannt: Was wird künstlich erzeugt, was entsteht von selbst? Das sind doch auch die eigentlichen Fragen von Wirklichkeit, die sich uns immer mehr als als eine virtuelle darbietet.
Die Fragen an eine hochkomplexe Gesellschaft können also gar nicht einfach genug sein. Je einfacher, desto mehr erschüttern sie die Grundfesten. Wie spielt sich ein Havariefall in einem Kernkraftwerk ab? Darum ging es in »Schicht C«, auf der Basis von Protokollen Beschäftigter im Kernkraftwerk Lubmin im Winter 1978/79, als man dort tagelang von der Außenwelt abgeschnitten war. Oder was ist der Alltag einer Revolution wie der 1989 in einer Stadt wie Rostock, wo fast jeder jeden Akteur kannte und man sich für große Politik eher wenig interessierte?, fragte lunatiks in »Alles offen« im vergangenen Jahr in Koproduktion mit dem Volkstheater Rostock. Das ist auch für die Theater immer eine Art Blackbox. Was am Ende eines Experiments herauskommt, weiß niemand genau. So auch jetzt mit »Magic Fonds«. »Das sind alles junge Menschen, die nicht anderes kennen als den globalisierten Kapitalismus.« Wenn die plötzlich anfangen zu fragen, was Geld eigentlich sei, dann bekomme das doch eine verblüffende Radikalität. Auch hier wieder ein radikaler Rousseauismus? Der Mut zum Unfertigen sei entscheidend, antwortet Rausch. Den hatte auch Intendant Lars-Ole Walburg in Hannover, als er lunatiks für »Die Welt ohne uns« einlud. Für die Stadttheater ist so eine Zusammenarbeit eine Art Jungbrunnen - und für freie Gruppen wie lunatiks produktion die Möglichkiet, die Infrastruktur eines Stadttheaters zu nutzen. Auch an den Stadttheatern spricht sich immer mehr herum, dass Theater eben mehr ist, als fertige Stücke zu spielen. Viel interessanter ist doch, sie selber mit zu entwickeln!
Ist es das, was er mit lunatiks will? Ja, antwortet Rausch und greift nach seinem Rollkoffer: »Theater als Suchbewegung heißt, Geschichten unter Laborbedingungen zu entwickeln versuchen. Wir wissen zum Beispiel nicht, wie Theater mit Pflanzen geht, aber wir wollen es in den nächsten drei Jahren herausfinden.«

(Gunnar Decker in: Theater der Zeit 04/2011)

+ + + + + + + + + + + + + + + + + + + + +

"Ob die Schulden-Hauptstadt nach ihrer gescheiterten Verfassungsklage nun die Staatsoper dem Bund schenkt, ob die Deutsche Oper bald 350 Euro pro Karte nehmen muss oder ob der Kultursenator eingespart wird, weil er nichts mehr zu verwalten hat - die Kultur stirbt nicht. Es gibt keine Reise-Warnungen für Berlin. Wir dokumentieren Auszüge aus einer noch unveröffentlichten Liste von dem, was nicht subventioniert oder sonstwie vom Land Berlin gefördert wird. Was der Finanzsenator nicht wegsparen kann, weil er nichts dafür zahlt, sondern der Bund oder der Bürger. Wir sagen, was bleibt, wenn alles andere schließt.
- die Panorama Bar
- der Festsaal Kreuzberg
- der Magnet Club
- die Columbiahalle
- das Quasimodo
- das Pergamon-Museum
- das Bode-Museum
- die Akademie der Künste
- das Dt. Historische Museum
- das Jüdische Museum
- das Mauermuseum
- das Theater des Westens
- der Wintergarten
- die Lunatiks und 64 weitere freie Theatergruppen
- Eigen + Art und 569 weitere private Kunstgalerien
- das International und noch 99 Kinos mit 288 Leinwänden
- die Berlinale."
(Berliner Zeitung, 20.10.2006)